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"Wenn die da Knete für kriegen, isset doch gut, wo die hier jezz keine Kohle mehr haben."
"Äi Nik, hör ma auf zu pennen. Da is irgendwat nich normal."
Ruprecht Knechter stieg unsanft in die Bremsen und brachte den mit Wünschen vollbeladenen alten Schlitten von Pickup so abrupt zum Stehen, dass Susi Engel fast aus der Schlafkoje gepurzelt wäre, die sie für ihre weiten frühwinterlichen Auslieferungsfahrten eigens eingebaut hatten. Susi blinzelte durch den Vorhang, schüttelte den Kopf mit den blonden Locken und legte sich - flügellahm wie sie war - wieder hin.
Niko Laus räusperte sich auf dem Beifahrersitz, knuddelte sich ein, faltete die Hände über dem langen weißen Bart und setzte sein tiefempfundenes Schnarchen fort. Die Autoheizung funktionierte einwandfrei. Sein langer roter, pelzbesetzter Mantel war nicht sehr praktisch für die Reise, aber er trug ihn schon zig Jahre und konnte sich nicht von ihm trennen. So war ihm recht warm ums Herz. Das Alter begann, Tribut zu fordern. Die ersten - er wusste nicht wieviel - Tage hatte er gefahren. Dann war er immer wieder eingenickt. Ruppi hatte ein paarmal so etwas wie "äiwenneauchNikheißtbrauchsenich immereinzunickenWeißderHimmelwielangedatgutgeht" gebrummelt, dann hatte er Niko auf den Beifahrersitz verfrachtet.
Ruprecht sprang aus dem Wagen. Seit Ewigkeiten kamen sie in die kleine Stadt, die im Binnenland an fünf Wassern liegt. Aber niemals vorher - da war er ganz sicher - hatte er hier am Ortseingang einen rot-weißen Rettungsring gesehen.
"Da ist doch" - glaubte er sich zu erinnern - "so ein Ding bei uns bestellt."
Er stieg in den Wagen zurück. Niko schlief den Schlaf des Gerechten. Ruprecht schaute die Wunschzettel durch. "Jau, da! Ein Rettungsring, sach ich doch: Aufschrift MS. GERMANIA". - Aber der war grün - weiß.
"Schläft Niki?"
Susi schälte sich aus der Koje, gähnte, reckte und streckte sich. "Lass ´n pennen. Wir müssen weiter."
Ruprecht Knechter startete durch und rieb sich schon nach wenigen Metern ungläubig die Augen. Susi griff ins Steuer und verhinderte Schlimmes. "Um Himmels Willen! Du kannst nicht einfach das Lenkrad loslassen.
"Kuck ma da, Engelchen. Spinn ich oder ja?"
Mitten auf dem großen Marktplatz der kleinen Stadt stand ein Leuchtturm und sandte seine Signale aus: hell-dunkel-hell. Dunkel-hell- dunkel... Aber er schaffte keine Erleuchtung. Daneben die große grüne Uhr mit der weißen Frau glaste die volle Stunde. An vielen Häusern blieben die Läden geschlossen. Eine bleierne Ruhe legte sich auf´s Gemüt.
"Engelchen, zaich ma den Kompass. Ich glaub, mein Schwein pfeift. Dat is die verkehrte Richtung ..."
"Nein Ruppi, das Geschäft da war immer schon hier. Sieh mal, da stehen überall Schiffe drin. Kleine Schiffe. Modellschiffe. Es bewegt sich nichts. Die Leute sind bestimmt alle in Dorthausen oder Obermund zum Einkaufen."
Ruprecht Knechter ließ den Wagen langsam weiter rollen.
Plötzlich hatten sie das Gefühl, am Meer zu sein. Wo bei ihrem letzten Besuch noch Gebäude gestanden hatten, war der Blick frei bis zum Horizont. Ein silberner Schimmer lag über allem. Da war Wasser, nichts als Wasser. Oder narrte eine Fata Morgana seine Sinne?
Maritime Gedanken schossen Ruprecht durch den Kopf. Er hielt an. "Engelchen, kuck ma, schippert da nich auch ´n Kahn, der tausende von Büchern gebunkert hat, oder hab ich Probleme mit der Pupille?"
"Nein, da liegt ein schwimmendes Restaurant im Dock. Du, ich hab richtig Hunger".
Sie stiegen aus. In den gefluteten Blumenkästen am Weg, die aussahen wie rot-weiße Rettungsringe, blühten Lotusblumen und Seerosen. Seestern und Seeigel gaben sich ein Stelldichein und eine Muräne lugte neugiertig über den Beckenrand. Kleine, kentergeschützte Tretboote für Kinder waren am Ufer vertäut. Die Reklametafel des Restaurantschiffes pries sterneverdächtig ungewöhnliche lukullische Genüsse an. Ankerplätzchen gab es da, Nuss-Schiffchen und Bootszwieback. Brot mit Wasserstreifen war ebenso zu haben wie Seegras-Maultaschen mit Seegurken, hochprozentiges Kanalwasser und Küstennebel. Und Strandsandkuchen und "Filetspitzen von der Wasserratte an Grünalgensorbet mit Meerrettichsauce". Alles war natürlich mit gesundem Meersalz gewürzt. Nur Fischgerichte suchte man vergeblich.
Ruprechts und Susis Appetit hatte beim Lesen ohnehin merklich gelitten. Sie stiegen wieder ein und umkurvten ein auf´s Trockene gezogenes, blumengeschmücktes Rettungsboot, das an einem rostigen Anker vertäut war. Die Orientierung war einfach. Die Laternenpfähle gaben die Richtung an. Steuerbord waren sie grün gestrichen, backbord rot. Jedenfalls in ihrer Fahrtrichtung. Wie auf den Mundstücken stehende Tabakspfeifen sahen die alten Schiffslüfter aus, in deren großen runden Schlund man Abfälle und Papier werfen konnte. Sie fuhren an Häusern vorbei mit Fischernetzen, die die Türen ersetzten. Ein kleiner Familienbetrieb hielt im Swimmingpool Tintenfische. In seepferdchenförmigen Fläschchen gab es die Tinte zu kaufen, mit der in den zahlreichen Yachtschulen die Prüfbögen für Segel- und Motorbootführerscheine ausgefüllt werden konnten. Die Wegweiser gaben Entfernungen in Seemeilen an. In der ganzen Stadt durfte lediglich 16,198704 Knoten schnell gefahren werden, und Verkehrsschilder waren durch Tonnen und Bojen ersetzt. Auf dem "Canale Castrópere" waren nur noch Ruder- und Paddelboote und öffentliche Nahverkehrsgondeln erlaubt. Motorboote und Lastkähne schipperten auf 474 neuen Wasserstraßen am New Park vorbei. Zum Ausruhen standen überall Korallenbänke bereit.
Susi Engel rümpfte ihr empfindliches Näschen:
"Du Ruppi, irgendwie stinkt das hier. So wie - ja klar - so ähnlich wie in Venedig.
Die Blumenkästen am Ufer waren hier bunt bemalt, und man hatte blau-weiße Pfähle hineingesteckt. Gondeln dümpelten auf dem Wasser. Die Küstenwache regelte den Verkehr. Ein als Gondolieri gekleideter gestandener Männerchor sang am, über die Toppen geflaggten Schiffermast, aus voller Brust "Komm mal mit zum Dattelner Kanal". Die Sänger schwenkten Strohhüte mit schwarz-weißen Bändern.
Plötzlich hörten sie Niko Laus rufen. Er kletterte aus dem Pickup und schwenkte eine Broschüre. Er rannte, was die alten Knochen hergaben. Mit viel Mühe konnte Ruprecht ihn am Ufer kurz vor der schwarz-rot-grünen Brühe stoppen. Fast wären beide hereingefallen. Niko war jetzt hellwach und streckte den anderen die Broschüre entgegen.
"Hab ich im Wagen gefunden. Ist ein Bilderbuch und heißt ´Datteln wird Kanalstadt´." "Wat reechse dich auf. Lasse doch. Iss doch schön bunt. Und wenn die da Knete für kriegen, isset doch gut - wo die hier jezz keine Kohle mehr haben."
Ruprecht Knechter konnte Gönner sein. Niko Laus war nicht zu bremsen.
"Die sind doch schon solange Kanalstadt wie du an meinem Namenstag zickige Blagen in den Sack steckst!"
"Nu übertreib ma nich, ne! - Wie ich dat angefangen hab, ham noch die alten Germanen die römischen Spaghettifresser Riesenhirschgeweihe aufgesetzt."
"Na gut, vielleicht nicht ganz so lange, aber wenn hier jetz behauptet wird, Datteln w i r d Kanalstadt, dann werd´ ich ´Der alte Mann und das Meer´. Kommt jetzt. Ab durch die Mitte!"
Otto Feld schreckte in seinem Bett hoch. Er schaute aus dem Fenster. Es war alles ruhig wie immer. Die großen Pfützen in der Fußgängerzone reflektierten die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung. Er lächelte. Jetzt konnte er nichts tun. Man sah nur schwarz. Man würde reden müssen, und auf alles gut achten. Worauf auch immer: Gut achten!
Otto hätte schwören können, geträumt zu haben: vom Nikolaus, einem blonden Engelchen namens Susi und Knecht Ruprecht, der eine versunkene pseudomaritime Stadt in den Sack steckt... Dann träumte er schöne neue Träume ... von seiner kleinen Stadt, die er sehr liebte und für die er hoffte, dass irgendwann einmal "mehr" los sein würde in ihr. Aber das schrieb man nicht mit "ee" in der Mitte!
-, was ruchbar war: Offene Kanäle!
Quelle: WAZ Datteln, 25. Dezember 2001