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Es ist (ziemlich) erschreckend, daß wir uns so kurz nach der heftigen und polemischen Diskussion um die L 654n bereits mit der nächsten Straßenplanung auseinandersetzen müssen.
Ich hoffe, daß dieses Projekt sachlicher behandelt wird und nicht wieder so hahnebüchene Argumente vorgetragen werden, wie "die Straße muß gebaut werden, um das Grundwasser vor der Landwirtschaft zu retten".
Um es gleich vorne weg zu sagen: Die Umweltzerstörung durch eine B 474n würde wesentlich größer sein, als bei der L 654n.
Der Komplex "B 474n/Rieselfelder" ist sogar die größte, einzelne Umweltbedrohung für den Kreis Recklinghausen, die in den letzten vielleicht 20 Jahren geplant war.
Das gesamte Kreisgebiet besitzt bereits eines der dichtesten und leistungsfähigsten Straßennetze der Welt und leidet unter der damit einhergehenden Zerschneidung beträchtlich (viele Arten sind bereits völlig verschwunden!).
Dennoch soll das Ostvestgebiet ein weiteres Mal zerschnitten werden! (Versuchen Sie einmal, im näheren Umfeld einen Landstrich zu finden, an dem Sie keinen Verkehrslärm hören, von chemischen und klimatischen Belastungen durch den MIV mal ganz zu schweigen).
Und diese Zerschneidung erfolgt nicht durch eine kleine Straße; die B 474n wird als 6-11m hohe, autobahnähnliche Trasse geführt werden.
Die UVS zur B 474n ist noch nicht abgeschlossen, aber so manches Faktum von den Gutachtern bereits ermittelt, u.a.:
Diese Gebiete und die Kanäle mit dem Schleusenpark Henrichenburg haben eine sehr große Bedeutung als Naherholungsgebiet.
Wandern Sie mal an einem schönen Frühlingswochenende durch diesen Bereich und fragen Sie die Spaziergänger, was Sie von dieser Straße halten.
Die Antworten sind leider nicht gesellschaftsfähig, sonst würde ich hier einige zitieren. Mein Vokabular an Schimpfwörtern wurde jedenfalls dadurch erheblich aufgestockt.
Wie schädlich die B 474n ist, zeigt die UVS-Karte deutlich. In alle tiefroten Bereichen würde die Straße erheblichen und nicht auszugleichenden Schaden anrichten.
Am härtesten träfe es die Ickerner Bevölkerung, die ja bereits im Süden mit der A 2 so ein häßliches und lautes Ding hat. (Mauer!)
Die B 474n soll in einer Variante Ickern-End von Osten und Norden einkreisen. In der Folge der B 474n ist dann auch noch die L 511 geplant, die westlich und nördlich von Ickern durch die Landschaft geschlagen werden soll.
Ickern-End, in dem ja seit einigen Jahren eine positive Siedlungsentwicklung eingesetzt hat, wäre dann vollständig eingekreist. (Kessel!)
Jeder Weg nach draußen führt dann durch einen Tunnel. Die sozialen Folgen kann sich ja jeder hier ausmalen.
Die Variante 1 würde stattdessen Henrichenburg treffen und nicht nur den Grüngürtel entwerten, sondern führt auch noch über den Schleusenpark, der gerade mit zig-DM Steuergeldern aufgepeppt wird. Henrichenburg und Becklem bekommen schließlich auch noch die L 511 ab.
Im übrigen sind einige dieser Fakten schon lange bekannt. Das letzte Gerichtsurteil spricht Bände von offenkundigen Planungsfehlern, aber auch von den ökologischen Folgen.
Zitat OVWG Münster 1994:
"Die Eingriffe sind nicht ausgleichbar. Die B 474n würde zu einer massiven, weithin sichtbaren Beeinträchtigung des Landschaftsbildes führen."
Wir als Natur- und Umweltschutzverbände können nicht verstehen, daß aus solchen Urteilen keine anderen Konsequenzen gezogen werden, als die Kläger und das Gericht öffentlich zu diffamieren.
30 Jahre haben wir nun über den Natur- und Umweltschutz gelernt, Forschungen betreiben lassen und wissen von den lang- und kurzfristigen Folgen.
Es ist in der Tat abstrakt, aber auch ein Faktum, daß in der dritten Welt durch unserer Verkehrssystem schon heute Tausende Menschen sterben. (DPG)
(Das kann man natürlich kalt belächeln oder einfach ignorieren.)
Nur weil der Zusammenhang mit einer einzelnen Autofahrt nie nachzuweisen sein wird, tragen wir doch die Schuld daran, wenn die nächste Flutkatastrophe in Banglahdesch wieder etwas eher kommt, als in den letzten Jahrhunderten üblich.
Und da frage ich mich als Mensch: Wie weit geht unsere Solidarität mit anderen Menschen über die Landesgrenzen hinaus?
Reicht es, das Gewissen zu beruhigen, indem wir - dank der toll ausgebauten Infrastruktur in Deutschland - die Hilfslieferungen dann wieder ein bißchen schneller schicken können?
Sie müssen auch endlich vor Ort Konsequenzen ziehen. Es ist ein Unding, daß wir trotz der Erkenntnisse der letzten 30 Jahre ein bißchen Vereinsduselei im Klimabündnis betreiben, aber immer noch am Straßenausbau in Castrop-Rauxel bzw. im Ostvest keinen Meter Abstrich gemacht haben! Wie stellen Sie sich denn die Welt vor, wenn das alle Länder so machen würden?
In unserer südöstlichen Ecke des Kreises werden sogar die meisten L, B und A des Kreises neugeplant oder ausgebaut, alles unreflektierte Planungen aus den 60er Jahren oder sogar älter.
Und welche Argumente stehen denn schon für die B 474n? Der Eiertanz bei der Begründung der Straße ist von den Gerichten bereits als nicht nachvollziehbar kritisiert worden.
Sie sehen: Es gibt keinen vernünftigen Grund, die B474n zu bauen. Wir werden uns bis zum Schluß gegen diese Planung wehren und die Bevölkerung auf die Barrikaden bringen.
Die B 474n muß stattdessen aus ökologischen Gründen abgelehnt werden! Ökologie ist nicht nur für Parteiprogramme gut und geht über ein bißchen Hecken pflanzen und Radweg anlegen hinaus. Es gibt ernstere ökologische Probleme als das bißchen Stadtkosmetik!
Darüber hinaus machen B474n und Rieselfelder aus ökonomischer Sicht keinen Sinn; die Infrastruktur ist einfach viel zu teuer. Übrigens ist Ickern I/II bereits vorzüglich angebunden; es sind gerade 5km gut ausgebaute Straße und eine Ampel bis zur Autobahn...
Die Rieselfelder sind ein Konkurrenzprojekt zum Ruhrgebiet! Und Sie können sich entscheiden: Ansiedlung auf den zahlreichen vorhandenen Brachen (z.B. Ickern 3/4 oder Schwerin) oder diese weiter vor sich hingammeln lassen und den eigenen Bürgern lange Pendlerfahrten durch die Naherholungsgebiete anderer Bürger aufzuhalsen.
Es geht hier nicht um pro oder kontra Arbeitsplätze; es geht darum, die eingesetzten Steuergelder möglichst effektiv in Arbeitsplätze umzusetzen. In diesem Falle ist das sogar identisch mit der ökologisch besten Entscheidung!
Wer für die B 474n bzw. Rieselfelder ist, ist gegen das Ruhrgebiet und opfert die Bürger in C.-R. Norden für undurchdachten Planungen! (Analyse Rieselfeldereignung fehlt)
Stattdessen muß endlich mal eine konsequente Vermarktung der Flächen mit vorhandener Infrastruktur erfolgen. Es ist eine Frechheit, wenn der Präsident der ELA öffentlich behauptet, er hätte einen Betrieb abweisen müssen, weil der Kreis RE keine 10-ha-Industriefläche hätte, während wir auf dutzenden, unsanierten Hektar Fläche sitzen bleiben.
In diese Richtung muß die Politik weiter laufen, anstelle immer wieder Planungsleichen hervorzukramen.
Und lassen sich mich zwischendurch eines klarstellen: Mir geht es nicht um eine Verdammung des Autos, aber um einen umweltgerechten Mix der Verkehrsmittel.
Davon sind wir insbesondere im Kreis Recklinghausen (auch in C.-R.) noch sehr weit entfernt und bundesweit zählen die Städte des Kreises sogar zu den Schlußlichtern. Und das obwohl diese Region strukturell entgegen anderer Behauptungen vortrefflich dafür geeignet wäre. (KVR-Gutachten).