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Seit Anfang der siebziger Jahre wird in den Amtsstuben der Straßenbauämter an einer Verlängerung der Sauerlandlinie (A45) Richtung Norden bis zur A 43 bei Dülmen getüftelt. War die Schnellstraße zunächst noch vierspurig und in kreuzungsfreier Dammlage geplant, sind die Planer nicht zuletzt wegen der breiten Proteste aus der Bevölkerung von ihren ursprünglichen Entwürfen abgerückt. Zumindest im Bereich Lüdinghausen und Olfen soll die Straße zweispurig und ohne Damm realisiert werden.
Der Olfener Widerstand gegen das Bauvorhaben wird maßgeblich von Bert Baesgen koordiniert, dessen Haus nur "ein Steinwurf" von der geplanten Trasse entfernt ist. Eckart Grundmann sprach mit dem 43-jährigen Gesamtschullehrer über das geplante Straßenprojekt.
Grünspecht: Welcher Personenkreis engagiert sich in Olfen gegen den Bau der geplanten B 474n?
Bert Baesgen: Erstmal sind das natürlich die Betroffenen, das sind betroffene Anwohner und die Landwirte. Wir haben hier eine ganz starke landwirtschaftliche Gruppierung die dagegen ist. Dazu kommen BUND-Mitglieder und Naturschützer. Im harten Kern unserer Bürgerinitiative haben wir etwa 20 Leute, da ist wohl manche Partei hier in Olfen neidisch.
Grünspecht: Was sind die Ziele der Bürgerinitiative?
Bert Baesgen: Das Ziel ist im Grunde genommen seit 30 Jahren dasselbe
und zwar eine Verhinderung der Straße, weil sie völlig überflüssig
ist. Es ist überhaupt kein Bedarf da, man könnte genauso gut
eine Straße durch die Wüste ziehen. Hier wird ganz klar Verkehr
erzeugt, durch die Straße wird aber aus Olfen kein Verkehr abgezogen.
Der Ursprung dieser Straße liegt in der Ortsumgehung von Datteln
und Waltrop. Die brauchen tatsächlich eine Ortsumgehung, kriegen diese
aber offensichtlich nur aus den finanziellen Töpfen des Bundes finanziert.
Wir brauchen keine Nordumgehung des Ruhrgebietes! Genau dies würde
diese Straße in Verbindung mit der B 67n ab Dülmen werden. Vom
Autobahnkreuz A2/A45 im Süden über die A 43 bei Dülmen bis
zur A 31, dem Ostfriesenspieß, und weiter bis Isselburg an der A
3 würde das eine durchgehende Trasse, und die wollen wir hier im Münsterland
klipp und klar verhindern.
Grünspecht: Das heißt also aus Deiner Sicht, Olfen braucht die B 474n auf gar keinen Fall?
Bert Baesgen: Das ist richtig, wir haben auch Verkehrszählungen gemacht, die dieses ganz klar beweisen. Man kann sich angucken, was auf der Panzerstraße in Höhe Füchtelner Mühle für ein Verkehr läuft, das wäre von der Menge her das Verkehrsaufkommen, um das Olfen entlastet würde. Dabei müßte man mit Blick auf diese Verkehrsströme das Wort "entlastet" in Anführungsstriche setzen. Es ist ein völlig unsinniges Projekt, so daß man sich wundert, daß es überhaupt im Bundesverkehrswegeplan steht.
Grünspecht: Gibt es eigentlich Alternativvorschläge von Seiten der Bürgerinitiative?
Bert Baesgen: Selbstverständlich meckern und motzen wir nicht
nur, sondern haben auch schon den Vertretern der Stadt Alternativen vorgeschlagen.
Die sehen so aus, daß man den Ortskern durch eine entsprechende Beschilderung
entlasten könnte, z.B. Verbotsschilder für Lkw, so daß
diese die bereits vorhandene Südumgehung nutzen.
Ein zweiter Punkt ist - da arbeiten wir auch mit dem BUND dran: Wir
wollen die Leute dazu bewegen, häufiger das Fahrrad zu benutzen oder
zu Fuß zu gehen. Schließlich handelt es sich bei 80 bis 90
Prozent des betrachteten Verkehrs um Ziel- und Quellverkehr. Man muß
nicht für jedes Brötchen mit 100 PS einkaufen fahren. Man stelle
sich das Gewieher und die Pferdeäpfel vor dem Supermarkt vor!
Und zum dritten gibt es einen ganz konkreten Trassenvorschlag. Westlich
führt an Olfen der sogenannte Springenkamp vorbei. Im Moment ist es
noch ein kleines landwirtschaftliches Sträßchen, wenn das aber
auf beiden Seiten um je einen Meter verbreitert würde, wäre mit
ganz geringem Kostenaufwand eine sehr große Wirkung erzielt, die
eine B 474n weit vor den Toren der Stadt nicht erzielen könnte.
Grünspecht: Wie sind den die Reaktionen in Olfen auf eure Vorschläge, gibt es Zustimmung oder Ablehnung?
Bert Baesgen: Unsere CDU, allen voran Bürgermeister Himmelmann, hat zumindest unsere Verkehrszählung sehr ernst genommen. Die Einsicht setzt sich durch, daß eine B 474n keine Entlastung des Ortskerns bringen würde. Ich habe im Moment das Gefühl, daß die CDU zunächst abwartet, ob die B 474n realisiert wird, die "Springenkamp-Variante" aber dabei im Kopf behält und diese erst dann weiterverfolgt, wenn die B 474n nicht gebaut werden sollte.
Grünspecht: Welche Aktionen sind demnächst von der Bürgerinitiative hier in Olfen geplant?
Bert Baesgen: In der Vergangenheit ist ja schon eine Menge gelaufen,
ich erinnere nur an die großen Wände, die wir aufgestellt haben,
auch teilweise finanziert mit Mitteln der Grünen aus Lüdinghausen.
Es gab Unterschriftenaktionen, Stände auf Weihnachtsmärkten usw.
Im Moment haben wir einen Klagefonds eingerichtet, um eine letzte juristische
Hürde aufzubauen. An dem Klagefonds können sich Olfener, aber
natürlich auch Lüdinghauser Bürger beteiligen. Zudem haben
wir engen Kontakt geknüpft mit den anderen Bürgerinitiativen
und politischen Gruppierungen längs der Trasse, sprich mit den Grünen
in Lüdinghausen, Datteln, Waltrop und Castrop-Rauxel sowie mit dem
BUND und den Grünen in Dülmen. Wir versuchen jetzt auf dem politischen
Wege aktiv zu werden, mit Entscheidungsträgern zu sprechen und mit
unseren guten Argumenten zu überzeugen.
Grünspecht: In Bonn hat es ja einen Regierungswechsel gegeben, wie schätzt die Bürgerinitiative denn diesen Wechsel in Bezug auf das Projekt B 474n ein?
Bert Baesgen: Erstmal sind wir natürlich sehr froh darüber,
es sind jetzt eigentlich die besten Voraussetzungen: wir haben im Land
rot-grün, wir haben im Bund rot-grün. Wir von der Bürgerinitiative
haben uns gefragt: wenn wir hier in den nächsten Jahren das Dingen
nicht kippen können, wann dann?
Die Voraussetzungen sind erst einmal relativ günstig. Auf der
anderen Seite muß man natürlich sehen, daß auch die SPD,
insbesondere im Südabschnitt der Straße, also in Datteln und
Waltrop, sich für den Bau sehr sehr stark macht und die Grünen
leider erst mal der kleinere Partner sind. Wir richten uns realistischerweise
schon auf längere und härtere Verhandlungen ein. Aber zunächst
sind wir positiv gestimmt, daß wir etwas erreichen können, auch
deswegen, weil das Projekt einen absoluten Wahnsinn darstellt.
Grünspecht: Welche Wünsche hast Du für die Zukunft an die Bürgerschaft von Olfen und Lüdinghausen?
Bert Baesgen: Ich wünsche mir natürlich eine breite Unterstützung,
die sich ja auch schon in vielen Leserbriefen gezeigt hat. Am aktivsten
könnten im Moment die Bürger dadurch werden, daß sie unserem
Klagefonds beitreten. Dadurch kann eine letzte Hürde aufgebaut werden,
falls die politischen Stricke doch nicht so ziehen sollten, wie wir uns
das erhoffen.
Ich würde mir wünschen, daß zu Weihnachten ein Rentier-Schlitten
durch unser Münsterland rauscht, anstatt 15.000 Fahrzeuge, die entsprechenden
Lärm und Gestank verbreiten.
Quelle: Grünspecht Lüdinghausen, 16. Dezember 1998